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Nun, Herr Mr.,

knapp drei Wochen also - bisschen früh, um Angst zu bekommen, hm? Aber ein Feigling waren Sie schon immer, sagen Sie? Zumindest waren Sie einst felsenfest davon überzeugt, dass man Sie daheim für einen solchen halten muss... und ich wette, Sie sind es immernoch. Überzeugt, meine ich. Erinnern Sie sich, wie Sie sich als Kind immer wieder die Vorteile aufzählten, die es hatte, ein Mädchen zu sein? Dass man sich nicht auf dem Schulhof prügeln musste? Und es nicht schlimm war, wenn man schlecht im Fußball war? Und in fast allen anderen Sportarten auch, nebenbei gesagt. Und dass Sie wenigstens später nicht zur Bundeswehr gehen müssten? Die Liste war recht lang und Sie haben sie sich immer wieder vorgesagt. Und es gab noch andere Vorteile, nicht wahr? Sie haben sich aus der Beobachtung Ihres Vaters Ihr Bild zusammengereimt, was es bedeuten würde, ein Junge zu sein: Dass man draußen auf dem Sportplatz sein sollte, statt sich hinter irgendwelchen Büchern von 1800 zu vergraben. Dass man sich vor nichts fürchten darf, dass man über allem stehen muss. Oder dass man zumindest gut schauspielern muss, dass einem nichts und niemand was ausmacht - oder was bedeutet. Und Sie haben nie so werden wollen, nicht wahr? Nun, sie hängen immernoch über Ihren geliebten Büchern. Sie sind nach wie vor ein ziemlicher Feigling - wenn ich Sie an Ihre Arztphobie erinnern dürfte, oder an Ihre Panik, vor Menschen zu sprechen... nebenbei, schon Ihr nächstes Referat vorbereitet? Natürlich sind Sie immernoch erbärmlich sentimental, auch wenn Sie Ihre Fähigkeiten im Schauspielern inzwischen verbessert haben. Und darin, Menschen glauben zu lassen, dass sie Ihnen nichts bedeuten - freilich ohne es selbst zu merken, bis diese Sie fragen, was sie falsch gemacht haben, dass Sie sich nicht mögen - sind Sie inzwischen fast so gut wie Ihr Vorbild, dem Sie gerade darin niemals nacheifern wollten. Sie finden mich zynisch? Nun, niemand bekommt gern den Spiegel vorgehalten...

Nach diesem kleinen Exkurs - manchmal muss man einfach laut denken, wissen Sie - kehren wir zurück in die Gegenwart. Sie fürchten sich, nicht wahr? Oh, kein Sinn, es zu leugnen, ich weiß, dass Sie das inzwischen können, Sie brauchen es mir nicht demonstrieren... es nützt Ihnen nichts, glauben Sie es mir. So kurze Zeit also und Ihr neuer Name ist Ihnen so vertraut. Sie haben ihn bereits ganz automatisch in eine Anwesenheitsliste eingetragen, in der Sie es gar nicht wollten, weil der Dozent Sie kennt, zum Beispiel, erinnern Sie sich? Und Sie reagieren auf ihn, ist ihnen das aufgefallen? Dienstag Abend, als Sie in Köln in diesem Café waren: Sie kannten niemanden, Sie hatten sich mit Ihrem neuen Namen vorgestellt und irgendwann des Abends rief Sie jemand mit diesem Namen. Sie haben sofort reagiert. Natürlich ist es Ihnen aufgefallen - das ist es ja, was Ihnen Angst macht. Ihren alten Namen haben Leute oft zig mal auf der Straße gerufen, bis Sie sich umgedreht haben - gab schließlich genug andere, die so heißen, und Sie haben sich nur unwillig angesprochen gefühlt. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie Ihren neuen Namen behalten wollen? Nach jetzigem Stand der Dinge natürlich nur - ich habe nicht vor, unsere Abmachung zu brechen: keine Urteile zu Beginn, ich weiß.

Nun, dieser Dienstag Abend... wurde Zeit, mal wieder irgendwo hinzukommen, wo niemand Sie kennt. Sie sind ein wenig wortkarg manchmal - genaugenommen sind "ein wenig" und "manchmal" ziemlich beschönigend - dennoch, dafür, dass Sie sich in einer Gruppe fremder Menschen befanden, war es ein ganz netter Abend, mit Gesprächen über seltsame Bands und einer Menge schrägem Humor. Die Leute waren recht alternativ dort - und man konnte sich die Musik reinziehen, ohne Ohrenkrebs zu bekommen, eine Seltenheit. Ich denke nicht, dass viele Ihnen geglaubt haben, dass Sie 22 sind. Wichtiger ist eh, dass es nach einer kurzen Nachfrage kein Thema mehr war, dass Sie ein Typ sind, der "ständig für ein Mädchen gehalten" wird. Es hat Sie in eine interessante Situation gebracht: Nun können Sie austesten, wie es ist, diese Rolle zu haben, unter Menschen, die nicht wissen, dass Sie je als etwas anderes zur Welt gekommen sind... oder dass Ihr Körper noch immer etwas anderes vermuten lässt. Genau so, wie Sie es immer wollten, nicht? Was? Sie sind nicht auf dem Holzweg? Nein, in der Tat nicht. Wenn Sie das wären, hätten Sie auch keinen Grund, sich zu fürchten, was hätten Sie verloren? Außer Ihren langen Haaren, und die wachsen nach. Aber Ihr erster Eindruck war nicht gerade der, als ob Sie zurück wollten - es ist auch sonst nicht Ihr erster Eindruck, ob an der Uni oder sonstwo. Vielleicht die Rollen abwechseln - wahrscheinlich und hoffentlich und sicherlich wechseln - doch Sie lernen gerade Ihre Lektion, was es bedeuten würde, Herr M. zu sein, ob phasenweise, in einem Umfeld, indem man Sie nicht anders kennt, oder sogar dauerhaft. Wissen Sie, Sie müssen ein seltsames Bild abgegeben haben, dort in diesem Café, und ich meine nicht nur, weil Sie behaupteten, 22 zu sein und so ein kleiner Zwerg mit so einem jugendlichen Gesichtchen waren. Erinnern Sie sich, wie die Stimmung im Laufe des Abends ausgelassener wurde? Wie manche am Treppengeländer herumkletterten oder sich zu einem Tänzchen zwischen den Tischen hinreißen ließen? Oh, ja, natürlich, viel zu gut erinnern Sie sich daran. Sie waren ja schließlich der, der die Spaßbremse spielen musste. Nein, nicht weil es in Ihrer Natur liegt. Sie sind vielleicht nicht gerade der geselligste Mensch, aber es mangelt Ihnen gelegentlich nicht an Freakigkeit - nur diese Partys, die in sinnlosen Sauf- und Kotzorgien enden, die sind nicht Ihr Fall, doch das spricht für Sie, denke ich. Worum es geht, ist, Sie haben nun ein Geheimnis zu bewahren. Etwas zu verbergen. Keine Ausgelassenheit für Sie - oder glauben Sie wirklich, Sie könnten tanzen oder ein Treppengeländer runterrutschen, ohne aufzufliegen? Nein, so naiv sind Sie nicht, Sie wissen genau, dass Sie nun auf jede Bewegung achten müssen. Sie mögen sich einschnüren und vier Schichten Kleidung übereinander tragen, dann sieht niemand mehr was, so lange Sie sich langsam und vorsichtig bewegen. Aber auch nur so lange Sie das tun. Tun Sie es nicht, könnten Sie Pullis von der Größe eines Müllsacks tragen, wenn ich so deutlich werden darf, es würde nichts helfen. Hätten Sie nicht gedacht, dass Ihre Proportionen doch so hartnäckig sind, was?

Nun, Herr M., ich weiß, Sie grübeln daran: Würden Sie so dauerhaft leben wollen? Sich kaum richtig bewegen können, ständig darauf achten müssen, wie Sie laufen, wie Sie sich hinsetzen, ob sich ja nicht wieder was abzeichnet, was Sie verraten könnte? Sie würden es müssen, falls Sie Herr M. bleiben wollen, selbst wenn es nur phasenweise wäre, und um so mehr, wenn es nicht nur phasenweise wäre. Doch wovor graust es Ihnen mehr, davor, oder mehr als phasenweise wieder Frau M. zu sein? Sie hatten recht mit unserer Abmachung, es ist nicht an der Zeit, dies zu beurteilen, aber Sie ahnen es, nicht wahr? Ja, Sie ahnen es... das Unschöne ist, dass es Ihnen vor dem kleineren Übel immernoch genug graust.

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So viel dazu. Man wundere sich nicht über den Schreibstil, da hat meine derzeitige Lektüre abgefärbt

Tja, was soll ich sagen, ich merke, es wird ernst. Nun habe ich mich in eine Situation manövriert, in die ich mich manövrieren wollte und manövrieren musste, wenn ich wirklich irgendwelche Erkenntnisse aus diesem Experiment ziehen will, aber nervös macht es mich schon. Ich wurde am Dienstag gefragt, ob ich mal wieder vorbeikomme, was ich werde. Diesen Freitag oder nächsten. Heute fiel nun weg, da in letzter Zeit bei schlechtem Wetter oft Bahnen ausfielen und ich wenig Interesse daran hatte, den Abend wie Dienstag noch mal wartend an einer dreckigen, kalten Bahnstation zu verbringen, nun bleibt der nächste. Was der Tag ist, an dem einige Leutchen anschließend noch auf eine Party wollten. Ich war nie so der Typ, der in Discos rumhängt. Da, wo ich ursprünglich herkomme, war die Infrastruktur nicht die beste, und so lange ich noch zuhause wohnte, waren den Zeiten, die ich wegbleiben durfte, auch ziemliche Grenzen gesetzt. Da die Musik für meinen Geschmack in den meisten Discos eh zum Reihern ist und besoffene Leute oft nicht nur zum Reihern, sondern auch gerade beim Reihern sind, habe ich auch nicht das Gefühl, sonderlich viel verpasst zu haben. Diesmal würde ich an sich trotzdem mitgehen, da die Leute anscheinend ganz cool drauf sind und ich da eh nichts besseres vorhabe... Mal sehen, ob ich es mache. Fakt ist, ich kann mich nicht vernünftig bewegen, ohne aufzufliegen, und ich habe wirklich wenig Interesse daran, eine ganze Nacht lang in meiner krummen Tarnhaltung irgendwo rumzusitzen und so wenig wie möglich zu sprechen, weil die Musik wahrscheinlich so laut sein wird, dass man schreien muss, und ich dabei meine Stimme nicht mal ansatzweise verstellen kann. Davon, dass mir kein Mensch glauben wird, dass ich über 18 bin und die Ausweiskontrolle peinlich werden könnte, wenn man mich auf dem Foto nicht mehr wiedererkennt, ganz zu schweigen. Genauso wenig Interesse habe ich allerdings daran, zu sagen: Sorry, Leute, ich komm nicht mit. Ich kenne mich - ich mag es für mein Empfinden noch so neutral sagen, es wird als abweisend rüberkommen und irgendwer wird es persönlich nehmen. Mal sehen... was mich an der ganzen Sache eigentlich nur so frustriert, ist der ganze Vertuschungsaufwand, den ich jetzt kennenlerne und von dem mir klar wird, dass ich den immer haben werde, sollte ich nach meinen Experiment so weitermachen wollen...

2.11.07 20:27


Gerade noch mal...

Glück gehabt. Keine Probleme mit Ausweiskontrollen am Freitag. Und auch nicht eine ganze Nacht blöd rumhocken, weil man sich nicht bewegen kann. Eben gelesen, Samstag ist im Jugendzentrum Literaturabend: für alle Hobby-Schreiberlinge, die was von ihren eigenen Texten vorstellen wollen, und für jeden, der sich schon immer mal in einem dämmrigen Café auf die Theke hocken und was von seinem Lieblingsautor vortragen wollte - mit anderen Worten: in beiden Fällen was für Leute wie mich

Somit mache ich mich dann Freitag abend, wenn der Trupp weiter in Richtung Disco zieht, vom Acker, weil ich noch was für den Literaturabend zusammensuchen muss, was höchstwahrscheinlich sogar stimmen wird. Mal sehen, ob ich mich was eigenes traue, ganz so ccol, wie ich da gerne wäre, bin ich dann doch nicht, aber auf jeden Fall wandern die Illuminations in den Rucksack - ich wollte schon immer mal in aller Öffentlichkeit Rimbaud zitieren *g*

 

7.11.07 09:35





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