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Gerade noch mal...

Glück gehabt. Keine Probleme mit Ausweiskontrollen am Freitag. Und auch nicht eine ganze Nacht blöd rumhocken, weil man sich nicht bewegen kann. Eben gelesen, Samstag ist im Jugendzentrum Literaturabend: für alle Hobby-Schreiberlinge, die was von ihren eigenen Texten vorstellen wollen, und für jeden, der sich schon immer mal in einem dämmrigen Café auf die Theke hocken und was von seinem Lieblingsautor vortragen wollte - mit anderen Worten: in beiden Fällen was für Leute wie mich

Somit mache ich mich dann Freitag abend, wenn der Trupp weiter in Richtung Disco zieht, vom Acker, weil ich noch was für den Literaturabend zusammensuchen muss, was höchstwahrscheinlich sogar stimmen wird. Mal sehen, ob ich mich was eigenes traue, ganz so ccol, wie ich da gerne wäre, bin ich dann doch nicht, aber auf jeden Fall wandern die Illuminations in den Rucksack - ich wollte schon immer mal in aller Öffentlichkeit Rimbaud zitieren *g*

 

7.11.07 09:35


Nun, Herr Mr.,

knapp drei Wochen also - bisschen früh, um Angst zu bekommen, hm? Aber ein Feigling waren Sie schon immer, sagen Sie? Zumindest waren Sie einst felsenfest davon überzeugt, dass man Sie daheim für einen solchen halten muss... und ich wette, Sie sind es immernoch. Überzeugt, meine ich. Erinnern Sie sich, wie Sie sich als Kind immer wieder die Vorteile aufzählten, die es hatte, ein Mädchen zu sein? Dass man sich nicht auf dem Schulhof prügeln musste? Und es nicht schlimm war, wenn man schlecht im Fußball war? Und in fast allen anderen Sportarten auch, nebenbei gesagt. Und dass Sie wenigstens später nicht zur Bundeswehr gehen müssten? Die Liste war recht lang und Sie haben sie sich immer wieder vorgesagt. Und es gab noch andere Vorteile, nicht wahr? Sie haben sich aus der Beobachtung Ihres Vaters Ihr Bild zusammengereimt, was es bedeuten würde, ein Junge zu sein: Dass man draußen auf dem Sportplatz sein sollte, statt sich hinter irgendwelchen Büchern von 1800 zu vergraben. Dass man sich vor nichts fürchten darf, dass man über allem stehen muss. Oder dass man zumindest gut schauspielern muss, dass einem nichts und niemand was ausmacht - oder was bedeutet. Und Sie haben nie so werden wollen, nicht wahr? Nun, sie hängen immernoch über Ihren geliebten Büchern. Sie sind nach wie vor ein ziemlicher Feigling - wenn ich Sie an Ihre Arztphobie erinnern dürfte, oder an Ihre Panik, vor Menschen zu sprechen... nebenbei, schon Ihr nächstes Referat vorbereitet? Natürlich sind Sie immernoch erbärmlich sentimental, auch wenn Sie Ihre Fähigkeiten im Schauspielern inzwischen verbessert haben. Und darin, Menschen glauben zu lassen, dass sie Ihnen nichts bedeuten - freilich ohne es selbst zu merken, bis diese Sie fragen, was sie falsch gemacht haben, dass Sie sich nicht mögen - sind Sie inzwischen fast so gut wie Ihr Vorbild, dem Sie gerade darin niemals nacheifern wollten. Sie finden mich zynisch? Nun, niemand bekommt gern den Spiegel vorgehalten...

Nach diesem kleinen Exkurs - manchmal muss man einfach laut denken, wissen Sie - kehren wir zurück in die Gegenwart. Sie fürchten sich, nicht wahr? Oh, kein Sinn, es zu leugnen, ich weiß, dass Sie das inzwischen können, Sie brauchen es mir nicht demonstrieren... es nützt Ihnen nichts, glauben Sie es mir. So kurze Zeit also und Ihr neuer Name ist Ihnen so vertraut. Sie haben ihn bereits ganz automatisch in eine Anwesenheitsliste eingetragen, in der Sie es gar nicht wollten, weil der Dozent Sie kennt, zum Beispiel, erinnern Sie sich? Und Sie reagieren auf ihn, ist ihnen das aufgefallen? Dienstag Abend, als Sie in Köln in diesem Café waren: Sie kannten niemanden, Sie hatten sich mit Ihrem neuen Namen vorgestellt und irgendwann des Abends rief Sie jemand mit diesem Namen. Sie haben sofort reagiert. Natürlich ist es Ihnen aufgefallen - das ist es ja, was Ihnen Angst macht. Ihren alten Namen haben Leute oft zig mal auf der Straße gerufen, bis Sie sich umgedreht haben - gab schließlich genug andere, die so heißen, und Sie haben sich nur unwillig angesprochen gefühlt. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie Ihren neuen Namen behalten wollen? Nach jetzigem Stand der Dinge natürlich nur - ich habe nicht vor, unsere Abmachung zu brechen: keine Urteile zu Beginn, ich weiß.

Nun, dieser Dienstag Abend... wurde Zeit, mal wieder irgendwo hinzukommen, wo niemand Sie kennt. Sie sind ein wenig wortkarg manchmal - genaugenommen sind "ein wenig" und "manchmal" ziemlich beschönigend - dennoch, dafür, dass Sie sich in einer Gruppe fremder Menschen befanden, war es ein ganz netter Abend, mit Gesprächen über seltsame Bands und einer Menge schrägem Humor. Die Leute waren recht alternativ dort - und man konnte sich die Musik reinziehen, ohne Ohrenkrebs zu bekommen, eine Seltenheit. Ich denke nicht, dass viele Ihnen geglaubt haben, dass Sie 22 sind. Wichtiger ist eh, dass es nach einer kurzen Nachfrage kein Thema mehr war, dass Sie ein Typ sind, der "ständig für ein Mädchen gehalten" wird. Es hat Sie in eine interessante Situation gebracht: Nun können Sie austesten, wie es ist, diese Rolle zu haben, unter Menschen, die nicht wissen, dass Sie je als etwas anderes zur Welt gekommen sind... oder dass Ihr Körper noch immer etwas anderes vermuten lässt. Genau so, wie Sie es immer wollten, nicht? Was? Sie sind nicht auf dem Holzweg? Nein, in der Tat nicht. Wenn Sie das wären, hätten Sie auch keinen Grund, sich zu fürchten, was hätten Sie verloren? Außer Ihren langen Haaren, und die wachsen nach. Aber Ihr erster Eindruck war nicht gerade der, als ob Sie zurück wollten - es ist auch sonst nicht Ihr erster Eindruck, ob an der Uni oder sonstwo. Vielleicht die Rollen abwechseln - wahrscheinlich und hoffentlich und sicherlich wechseln - doch Sie lernen gerade Ihre Lektion, was es bedeuten würde, Herr M. zu sein, ob phasenweise, in einem Umfeld, indem man Sie nicht anders kennt, oder sogar dauerhaft. Wissen Sie, Sie müssen ein seltsames Bild abgegeben haben, dort in diesem Café, und ich meine nicht nur, weil Sie behaupteten, 22 zu sein und so ein kleiner Zwerg mit so einem jugendlichen Gesichtchen waren. Erinnern Sie sich, wie die Stimmung im Laufe des Abends ausgelassener wurde? Wie manche am Treppengeländer herumkletterten oder sich zu einem Tänzchen zwischen den Tischen hinreißen ließen? Oh, ja, natürlich, viel zu gut erinnern Sie sich daran. Sie waren ja schließlich der, der die Spaßbremse spielen musste. Nein, nicht weil es in Ihrer Natur liegt. Sie sind vielleicht nicht gerade der geselligste Mensch, aber es mangelt Ihnen gelegentlich nicht an Freakigkeit - nur diese Partys, die in sinnlosen Sauf- und Kotzorgien enden, die sind nicht Ihr Fall, doch das spricht für Sie, denke ich. Worum es geht, ist, Sie haben nun ein Geheimnis zu bewahren. Etwas zu verbergen. Keine Ausgelassenheit für Sie - oder glauben Sie wirklich, Sie könnten tanzen oder ein Treppengeländer runterrutschen, ohne aufzufliegen? Nein, so naiv sind Sie nicht, Sie wissen genau, dass Sie nun auf jede Bewegung achten müssen. Sie mögen sich einschnüren und vier Schichten Kleidung übereinander tragen, dann sieht niemand mehr was, so lange Sie sich langsam und vorsichtig bewegen. Aber auch nur so lange Sie das tun. Tun Sie es nicht, könnten Sie Pullis von der Größe eines Müllsacks tragen, wenn ich so deutlich werden darf, es würde nichts helfen. Hätten Sie nicht gedacht, dass Ihre Proportionen doch so hartnäckig sind, was?

Nun, Herr M., ich weiß, Sie grübeln daran: Würden Sie so dauerhaft leben wollen? Sich kaum richtig bewegen können, ständig darauf achten müssen, wie Sie laufen, wie Sie sich hinsetzen, ob sich ja nicht wieder was abzeichnet, was Sie verraten könnte? Sie würden es müssen, falls Sie Herr M. bleiben wollen, selbst wenn es nur phasenweise wäre, und um so mehr, wenn es nicht nur phasenweise wäre. Doch wovor graust es Ihnen mehr, davor, oder mehr als phasenweise wieder Frau M. zu sein? Sie hatten recht mit unserer Abmachung, es ist nicht an der Zeit, dies zu beurteilen, aber Sie ahnen es, nicht wahr? Ja, Sie ahnen es... das Unschöne ist, dass es Ihnen vor dem kleineren Übel immernoch genug graust.

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So viel dazu. Man wundere sich nicht über den Schreibstil, da hat meine derzeitige Lektüre abgefärbt

Tja, was soll ich sagen, ich merke, es wird ernst. Nun habe ich mich in eine Situation manövriert, in die ich mich manövrieren wollte und manövrieren musste, wenn ich wirklich irgendwelche Erkenntnisse aus diesem Experiment ziehen will, aber nervös macht es mich schon. Ich wurde am Dienstag gefragt, ob ich mal wieder vorbeikomme, was ich werde. Diesen Freitag oder nächsten. Heute fiel nun weg, da in letzter Zeit bei schlechtem Wetter oft Bahnen ausfielen und ich wenig Interesse daran hatte, den Abend wie Dienstag noch mal wartend an einer dreckigen, kalten Bahnstation zu verbringen, nun bleibt der nächste. Was der Tag ist, an dem einige Leutchen anschließend noch auf eine Party wollten. Ich war nie so der Typ, der in Discos rumhängt. Da, wo ich ursprünglich herkomme, war die Infrastruktur nicht die beste, und so lange ich noch zuhause wohnte, waren den Zeiten, die ich wegbleiben durfte, auch ziemliche Grenzen gesetzt. Da die Musik für meinen Geschmack in den meisten Discos eh zum Reihern ist und besoffene Leute oft nicht nur zum Reihern, sondern auch gerade beim Reihern sind, habe ich auch nicht das Gefühl, sonderlich viel verpasst zu haben. Diesmal würde ich an sich trotzdem mitgehen, da die Leute anscheinend ganz cool drauf sind und ich da eh nichts besseres vorhabe... Mal sehen, ob ich es mache. Fakt ist, ich kann mich nicht vernünftig bewegen, ohne aufzufliegen, und ich habe wirklich wenig Interesse daran, eine ganze Nacht lang in meiner krummen Tarnhaltung irgendwo rumzusitzen und so wenig wie möglich zu sprechen, weil die Musik wahrscheinlich so laut sein wird, dass man schreien muss, und ich dabei meine Stimme nicht mal ansatzweise verstellen kann. Davon, dass mir kein Mensch glauben wird, dass ich über 18 bin und die Ausweiskontrolle peinlich werden könnte, wenn man mich auf dem Foto nicht mehr wiedererkennt, ganz zu schweigen. Genauso wenig Interesse habe ich allerdings daran, zu sagen: Sorry, Leute, ich komm nicht mit. Ich kenne mich - ich mag es für mein Empfinden noch so neutral sagen, es wird als abweisend rüberkommen und irgendwer wird es persönlich nehmen. Mal sehen... was mich an der ganzen Sache eigentlich nur so frustriert, ist der ganze Vertuschungsaufwand, den ich jetzt kennenlerne und von dem mir klar wird, dass ich den immer haben werde, sollte ich nach meinen Experiment so weitermachen wollen...

2.11.07 20:27


Erwarte das Unerwartete

Die zweite Woche des Semesters bringt die ersten Erfahrungen, wie man von anderen wahrgenommen wird - und die allererste These namens "Dreistigkeit siegt". Gestern begann der Spanisch-Kurs bei einer anderen Dozentin als im letzten Semester - das erste Treffen dieses Kurses war eine einzige Groteske, aber das ist ein anderes Thema - und ich muss im Nachhinein sagen, ich war echt dreist. Eigentlich hatte ich jegliche Glaubwürdigkeit für diesen Tag eh schon für gescheitert erklärt: Hektik am Morgen und unvorteilhaft sitzende Bandagen erwiesen sich als denkbar dämlich Kombination, und da ich meine Bahn kriegen musste, blieb mir nichts anderes übrig, als mich damit abzufinden, dass man meiner Meinung nach selbst unter dem wirklich weiten Pulli, den ich schnell drüberzog, noch etwas erkannte, was eindeutig kein Mann vor sich her trägt. Die Haare machten sich einen Spaß draus, derart in alle Richtungen abzustehen, dass sie vom Gesicht so gut wie gar nichts mehr verdeckten und meine Stimme wechselte munter zwischen "erträglich" und "ich glaub, ich hör Miss Piggy quietschen" (*g*). Und dann kam, was kommen musste...

Die neue Dozentin bestand auf einer Kennenlern-Runde, bei der wir uns zuerst bei unseren Nachbarn mit Name, Alter, Studienfächern, Semester etc. vorstellen mussten und dann bei ihr. Ich glaube, es war der reine Trotz, dass ich nicht auf meinen eigentlichen Namen umgestiegen bin. Und es hat gewirkt. Die Dozentin hat einfach nur genickt und ist zum nächsten gegangen und meine Nachbarin hat beim Namen noch gar nicht und erst bei der Semesterzahl erstaunt geguckt, mehr aber auch nicht. Dass andere meist gar nicht auf die Idee kommen, dass jemand Grund haben sollte, einen anderen Namen zu nennen, zahlt sich scheinbar aus - lässt man sich keine Zweifel anmerken, wird sich vielleicht gewundert, dass der Typ da viel älter ist, als er aussieht, aber dass es ein Typ ist, wenn er das sagt, das hat offenbar ganz gute Chancen, unhinterfragt zu bleiben. Etwas, was ich mir merken werde, wenn es für die Glaubwürdigkeit mal wieder im wahrsten Sinne des Wortes schlecht aussieht. Bei der Gelegenheit kann ich dann gleich weiter testen, ob das ein Glücksfall war oder durchaus öfter funktioniert.

Dafür habe ich mich heute dann auf die Schnauze gelegt, als ich es nicht erwartet hätte. Noch ein neuer Kurs, wieder ein neuer Dozent, aber - eine schon vorgedruckte Teilnehmerliste dank vorheriger Online-Anmeldung. Und da man sich bei dem Anmeldeverfahren mit Matrikelnummer eintragen musste, wurden den Dozenten gleich die Namen ausgedruckt, die auch auf den Studentenausweisen stehen. Nun hatte betreffender Herr die ganze Stunde eben jene Liste noch keines Blickes gewürdigt und ich trug mich testweise in einer Liste für die Referatsthemen nur mit Nachnamen ein, da nicht ausdrücklich ein Vorname verlangt war. Einfach zum Test, wie es vor dem Vergleich dieser Liste mit der Teilnehmerliste ankommen würde. Lustigerweise fand ich mich heute eigentlich noch nicht mal sooo verdächtig - alles vernünftig weggebunden, Haare so weit ins Gesicht, dass man kaum noch was erkennen konnte, und kein schlimmes Gekiekse, als ich zwischendurch mal was gesagt hatte. Trotzdem ertönte plötzlich: "Frau M., sagen Sie mal schnell noch den Vornamen, dann schreibe ich den gleich dazu." Da blieb nur der echte Name, da er den früher oder später ja eh gesehen hätte. Auch okay, dafür habe ich ein wahrlich nicht damenhaftes Referatsthema abstauben können *g*: die Gewaltdarstellung in den Kurzgeschichten des norwegischen Horrorautors Sigurd Mathiesen - mir steht der Sinn mal wieder nach richtig makaberer Literatur.

25.10.07 01:15


Und immer grüßt der Ekel...

"Gib mir die Kraft und den Mut, mein Herz und meinen Körper ohne Ekel zu betrachten!" - Charles Baudelaire

Vorurteile kommen heute nur noch selten in der Form von "Man darf nicht...", "Es ist böse..." oder gar "Gott will nicht..." daher. Meistens sind sie zurückhaltender, subtiler geworden. Trotzdem lernt man zu einem gewissen Grad schon als Kind, was man als "gesunder" Mensch gefahrlos schön finden kann und was man eklig finden sollte. Ich sehe das keinesfalls als Erziehungsfehler, so lange es nicht auf rabiate Weise geschieht, immerhin geben Erwachsene Kindern immer Werte mit auf den Weg, solange die sich über die in Frage stehenden Dinge noch keine eigene Meinung bilden können, und dafür haben sie auch nur ihre eigenen Ansichten zur Verfügung. Es bleibt nur schlichtweg nicht aus, dass man dabei auch Dinge lernt, die man später hinterfragen und von denen man sich wieder lösen muss, wenn sie einem das Leben nicht unnötig schwer machen sollen.

Ich komme aus einer Kleinstadt, die längst nicht so winzig und ländlich war, wie die dort vorherrschende Geistesart vermuten ließ. Auf meiner Kommunionsfeier, 3. Klasse Grundschule, schwadronierte meine entferntere Verwandtschaft darüber, dass ich nun ja schon die halbe Zeit bis zu meiner Hochzeit rum hätte, im Biologie-Unterricht der 6. Klasse wurde absolut ernsthaft gelehrt, dass gesellschaftlicher Verfall sowie geistige Verwirrung dazu führe, wenn Frauen willentlich kinderlos blieben, und dass Homosexualität eine Krankheit sei, und noch Silvester 2003/2004 erklärte ein Polizeibeamter meiner zwar ziemlich alternativ aussehenden, aber auf dem Polizeirevier völlig höflich auftretenden damaligen Partnerin und mir, dass es unsere Schuld sei, dass wir auf der Straße mit brennenden Silvesterböllern angegriffen wurden, wenn wir so aussehen und händchenhaltend durch die Stadt gehen müssten. Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten geht das alles noch, trotzdem kann ich nicht sagen, dass ich dem Kaff bis auf wenige Einzelpersonen hinterher trauere.

Die Verwandtschaft habe ich reden lassen und eh kaum gesehen, der Polizeibeamte hat mich zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr überrascht und im Biologie-Unterricht habe ich der Klasse zu einer unterrichtsfreien Stunde verholfen, weil ich, damals noch ahnungslos, dass mich das Thema einmal betreffen könnte, den Lehrer gefragt hatte, ob er sich denn ändern könnte und wollte, wenn die Natur es zufällig so eingerichtet hätte, dass gleichgeschlechtliche Paare Normalität wären und auch nur diese Kinder bekommen könnten - woraufhin die Diskussion etwas länger dauerte *g* Mein Denken und meine Ansichten in solchen Dingen haben sich in den letzten zehn Jahren nicht wirklich geändert, weil es auf dieser Ebene nie Schwierigkeiten gab. Die Unsicherheit sitzt unter der Oberfläche.

Meine Eltern, im Gegensatz zur übrigen Verwandtschaft, waren schon immer ziemlich tolerant. Sie selbst leben sehr traditionelle Rollenbilder, allerdings, soweit ich das beurteilen kann, weil sie glücklich damit sind und es für sie einfach das Richtige ist, nicht aus Konvention, und sie haben immer zugestanden, dass andere anders leben und damit glücklich werden können. Ich weiß, dass ich schnell mal kritischer klinge, als ich es beabsichtige, wenn ich längere Texte schreibe und mir dabei nicht der Sinn danach steht, Unmengen von Smilies zu verwenden, von daher möchte ich es diesmal ganz deutlich dazu sagen: ich kritisiere nicht meine Familie hier oder deren Aussagen, denn die sind völlig legitim, sondern ich frage mich einfach nur, warum mich manche Dinge so sehr beeinflusst haben. Womit ich letztendlich höchstens meinen eigenen Geist kritisiere, dass dieser tatsächlich so leicht zu verunsichern sein soll.

Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, als ich als Kind mit meinen Eltern vor dem Fernseher saß und plötzlich gezeigt wurde, wie zwei Männer sich küssen. Auf jeden Fall deutlich jünger als zu der Zeit, als ich dem Bio-Lehrer immerhin schon widersprechen konnte, aber auch alt genug, um keine Kinderfilme mehr zu gucken, irgendwas im Grundschulalter. Bei dieser Szene sagte mein Vater plötzlich: "Ihh, Schwuchteln, wer will denn sowas sehen?" Dadurch, dass ich bisher noch nicht wirklich was von Schwulen gehört hatte, war ich auch entsprechend unvoreingenommen und fragte mit typisch kindlicher Neugier, was denn damit sei, bekam auch soweit erklärt, was "schwul" bedeutet, verstand allerdings nicht, warum es schlimm sei, sowas im Fernsehen zu sehen. Die Erklärung meines Vaters war: "Weil es eklig ist." Die Unterhaltung verlief, wie eine Unterhaltung mit einem neugierigen, aber völlig ahnungslosen Kind verlaufen muss: "Warum ist das eklig?" / "Schwule sind eben eklig... und sie machen eklige Dinge." / "Aber was ist denn so eklig? Das sah gerade gar nicht so eklig aus..." / "Ist es aber, da muss man sich nicht drüber unterhalten."

Jeder hat Dinge, vor denen er sich einfach ekelt, die er nicht sehen und an die er am liebsten gar nicht denken will. Ich bin kein Freund großartiger Heuchelei: wenn einen was ekelt, ekelt es einen, und das kann man auch sagen. Ich bin allerdings erstaunt, wie lange sich dieses "Es ist ja nicht verboten, und sollen sie, wie sie wollen, aber... ganz schön eklig sind sie ja schon!", mit dem ich aufgewachsen bin und das ich später auch von anderen immer wieder gehört habe, scheinbar unterschwellig noch gehalten hat, wenn es mir nun wieder Hallo sagt. Und es sagt mit Hallo. In einer ziemlich grotesken Art und Weise.

Ekel ist ein Gefühl, dass mich die letzten zwölf Jahre konsequent begleitet hat. Es hat mich den Großteil der Zeit völlig ratlos gemacht, da ich es nicht mal ansatzweise erklären konnte, vertrieben hat es der Mangel an rationaler Rechtfertigung allerdings nicht. Ein weiblicher Körper ist für mich nichts Ekliges und war es nie, ich konnte schon immer haufenweise Frauen nennen, die ich in ihrem Erscheinungsbild für schön, ästhetisch und würdevoll hielt. Von Ekel keine Spur - außer bei mir selbst. Denn was an anderen durchaus passend, in sich stimmig und oft auch hübsch war, fühlte sich an mir äußerst fehl am Platz an. Warum das so ist, kann ich immernoch nicht sagen, aber wer kann schon sagen, warum er der Mensch ist, der er ist? Nachvollziehbarerweise war solch eine Wahrnehmung für die meisten Menschen unverständlich, ich hätte mich nach Meinung anderer nicht ekeln brauchen...

...Nun stehe ich hier und frage mich, ob ich irgendwann in der Situation sein werde, mich nicht vor mir zu ekeln, während eine ganze Menge anderer der Meinung sein könnten, dass ich allen Grund dazu hätte. Ich kann noch nicht voraussehen, wie meine Identität aussehen wird, wenn ich sie endlich zu fassen bekomme, dementsprechend ist es ein hypothetischer Gedanke, aber er ist so skurril, dass er fast schon wieder lustig ist.

 

22.10.07 02:50


Eine Woche rum

An sich war es ein unproblematischer Start. An der Uni fand noch nicht viel statt und dort, wo was stattfand, wurden die Anwesenheitslisten gerade erst erstellt und eingesammelt, so dass noch kein Dozent an dem neuen Namen hängenbleiben und sich wundern konnte, ob er mich nicht unter einem anderen kennt. Von den Studenten waren auch noch nicht alle da und überhaupt, bisher war alles erfreulich unproblematisch. Meinentwegen könnte es so bleiben *g*

Was ich sicherlich unterschätzt habe, ist, wie anstrengend es geistig selbst ohne äußere Komplikationen schon sein kann. Die Menge an Gedanken und Erinnerungen, die es sich in meinem Kopf bequem macht, ist nicht von schlechten Eltern, und teilweise fühle ich mich um Jahre zurück geworfen. Identitätsfindung ist normalerweise ein Pubertätsthema, nur dass ich es in der dafür vorgesehenen Zeitspanne nicht lösen konnte, größtenteils wohl einfach aus Unwissenheit. Wenn man glaubt, dass es etwas wie einen selbst nicht geben kann, muss man sich andere Wege suchen. Zehn Jahre später steht man dann da und und fängt noch mal von vorne an. In einer gewissen Weise passt es geradezu, wie jung ich wirke - intellektuell mag das anders sein, aber emotional bin ich momentan genauso jung, wie ich aussehe. Und neben meinem manchmal groben Humor (ich sag nur "Hornochse" und "Entenarsch" -.-) ganz schön unsicher.

Ihr könnt mir jedenfalls glauben, dass man sich wie ein Vollidiot fühlt, wenn man als wirklich alles andere als konservativer 22jähriger plötzlich wieder Aussagen im Kopf hat, die man als Kind mal von seinem Vater gehört hat, oder Dinge, die vor zehn Jahren mal im Bio-Unterricht gelehrt wurden, und merkt, dass man tatsächlich irgendwo zweifelt, ob nicht etwas Wahres dran sein könnte. Und das, obwohl man seit Jahren weiß, dass zumindest letztere erstens der Verbitterung eines alternden Lehrers entstammten, der seine gewohnte, Sicherheit gebende Rollenverteilung gefährdet sah, und zweitens auch rein wissenschaftlich falsch waren.

Ich werde versuchen, zu dem Thema nachher noch ein bisschen mehr zu schreiben, weil ich denke, dass ich nicht der einzige bin, der irgendwelche alten Vorurteile mit sich rumschleppt, die er eigentlich längst widerlegt hat - und die manchmal doch noch seine Selbstwahrnehmung beeinflussen. Für andere mögen das andere Exemplare sein, aber das Prinzip ist möglicherweise gar nicht so unähnlich.

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@Oxymoron: Vielen Dank für deinen Gästebucheintrag! Mal gucken, was das Universum dazu sagt - möglicherweise gehe ich ihm eines Tages so auf den Senkel, dass es eine Erkenntnis rausrückt  Denke mal, sowas kann einem einfach nur Erfahrungen bringen - und auf dem Gebiet kann man nur mitnehmen, was man kriegen kann. "Take what you can - give nothing back!"  Hab mir inzwischen übrigens das Hannelore-Lied angehört - diese Claire Waldoff war für ihre Zeit echt lustig drauf *g* Danke für die lieben Worte und das Bekanntmachen mit den "musikalischen Eskapaden"!

21.10.07 21:11


Aktualisierung 

Meine persönliche Autorenseite ist nun auch fertig und hochgeladen - nach einigem Gezicke seitens der Technik sieht sie sogar so aus, wie sie soll, und findet sich in der Navigationsleiste unter dem Archiv. Ich hatte irgendwie das Bedürfnis, sinnlose Informationen jenseits der Standardfragebögen zusammenzutragen, seltsame Musik-, Literatur- und Filmtipps auszusprechen, irgendwofür die bearbeiteten Versionen meiner Fotos zu verwenden und mit einer ganzen Menge Zitate um mich zu werfen *g*

Das erste Bild ist übrigens noch unbearbeitet und war einfach ein Glückstreffer mit schlechter Belichtung - ich sollte mich nur noch im Dämmerlicht aufhalten *lach*

19.10.07 23:17


3. Tag

Heute morgen nix mit Altnordisch, stattdessen ein Zettel an der verschlossenen Tür, dass der Kurs doch erst nächte Woche beginnt. Das übliche Semesteranfangschaos. Im Literaturwissenschaftskurs am Nachmittag habe ich mich in die Anwesenheitsliste mit der männlichen Form meines Vornamens eingetragen, allerdings mit Absicht sowohl dabei als auch bei allen anderen Angaben ziemlich krakelig geschrieben, um mich bei eventuellem Wiedererkennen auf die Frage "Sie heißen doch......?" mit einem lässigen "Steht das da nicht?" und meiner Sauklaue rausreden zu können.

Ansonsten tut sich noch nicht allzu viel, bis auf dass ich merke, dass es mir besser geht, wenn ich mich auf der Straße bewege. Trotz teilweise peinlich genauem Achten auf eine günstige Körperhaltung, weil sich gerade bei windigem Wetter und wenn man schnell geht doch mehr unter der Kleidung abzeichnet, als erwünscht ist, bewege ich mich doch natürlicher als vorher. Was eine Menge über das Vorher aussagt. Außerdem ist die eigene Körperwahrnehmung, auch wenn man sich nicht wirklich darüber täuschen kann, was unter Kleidung und Bandagen steckt, doch schonmal eine andere - und so lange ich verdränge, dass sie nur "gepfuscht" ist, fehlt doch eine ganze Menge des unangenehmen Gefühls, das mich meist beim Gehen begleitete und daraus resultierte, wahrzunehmen, in was für einer Art von Körper ich mich da bewege. Bin gespannt, inwiefern das anhält oder einfach anfängliche Veränderungseuphorie ist.

Ansonsten ist "Euphorie" eine eher schlechte Beschreibung für meine aktuelle Stimmung, aber das liegt eher an unkooperativer Kreativität sowie einem gewissen Hadern mit der Art meiner Texte. Dazu -eventuell- ein andernmal, obwohl es, wenn überhaupt, nur am Rande hierher gehört. Für heute versuche ich den Tag irgendwie ausklingen zu lassen...

18.10.07 01:29


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